Die Sehnsucht nach einem guten Ende

Weihnachten ist die Zeit der großen Geschichten und Filme. Besonders beliebt sind romantische Weihnachtsfilme nach immer demselben Muster. Kommt Ihnen das Folgende bekannt vor? Eine ehrgeizige Karrierefrau aus der Großstadt muss unfreiwillig in eine idealisierte, verschneite Kleinstadt reisen. Dort trifft sie den männlichen Helden, der ein bodenständiger Einheimischer mit Flanellhemd ist und der die Werte von Gemeinschaft und Einfachheit verkörpert. Die Frau soll ein lokales Familienunternehmen schließen, doch der Mann überzeugt sie vom Wert der Tradition. Es gibt eine Krise – z.B. einen Schneesturm – und oftmals eine mysteriöse, ältere Person, die mit weisen Worten die Annäherung des Paars beschleunigt. An Heiligabend erkennt die Frau schließlich, dass Liebe wichtiger ist als ihre Karriere. Also kündigt sie ihren Großstadtjob, rettet das lokale Wahrzeichen und besiegelt ihr neues Leben mit einem Kuss unter dem Mistelzweig. Am Ende steht die Gewissheit eines erfüllten Lebens in der Kleinstadt, in dem sie die gewonnene Gemeinschaft und die wahre Liebe endlich genießen kann.

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Jedes Jahr werden zahlreiche neue Weihnachtsfilme produziert, die den Zuschauern eine tröstliche, festliche und garantierte emotionale Erfahrung ohne große Überraschungen bieten. Garantiert ist in jedem Fall ein Happy End! Als Zuschauer oder Leser lieben wir es, wenn am Ende eines anstrengenden Weges alles gut ausgeht. Warum eigentlich?

Weil es oft nicht so ist! Wenn ich die Welt in diesen Tagen durch die Perspektive unseres dreijährigen Sohnes sehe, dann sehe ich, wie er mit großen Augen über die vielen Lichter staunt. Andächtig betrachtet er die Geschichte von Maria, Josef und dem Baby in seiner Kinderbibel. Ich sehe so viel Hoffnung, Fantasie und Vertrauen in ihm. Als Erwachsener ist mir diese Unbeschwertheit zunehmend verloren gegangen. Zu oft habe ich es anders erlebt. Während ich diesen Artikel schreibe, bekomme ich die Nachricht einer Bekannten, die Lehrerin ist. Die Mutter einer ihrer Schülerinnen ist gerade an einer Hirnblutung gestorben, nur einen Monat nach dem Tod ihres Vaters. Die Schülerin ist nun Vollwaise vor der Volljährigkeit.

Für Kinder liegt auf der Welt noch ein Zauber, der uns Erwachsenen verloren gegangen ist. Unsere Hoffnung und Zuversicht, dass am Ende das Gute siegt, ist unter den Trümmern trauriger Erfahrungen verschüttet. Und dann hören wir sie an Weihnachten doch: die großen Geschichten, bei denen alles gut ausgeht. Und wir spüren eine tiefe Sehnsucht in uns, dass all das Böse und Tragische ein gutes Ende findet und unser Leben irgendwie Sinn ergibt.

Für viele Menschen ist Weihnachten ein Fest neben anderen Festen. Doch im Kern von Weihnachten steckt die unglaubliche Botschaft: Inmitten von Leid und Chaos sind wir nicht allein. Gott lässt uns nicht im Stich. Er kommt selbst zu uns, tritt hinein in unsere Welt – das Göttliche kommt ins Vergängliche. Gott nimmt Stallgeruch an bis an den Punkt, dass er sich unschuldig ans Kreuz schlagen lässt. Dort solidarisiert er sich mit den Leidenden aller Zeiten. Die Weihnachtsgeschichte ist nicht das Happy End, sondern erst der Anfang der Rettung. Die ultimative Gewissheit, dass das Gute tatsächlich triumphiert, liegt nicht in Bethlehem, sondern im österlichen „Es ist vollbracht!“ – dem Sieg über Tod und Verzweiflung. Jesu Auferstehung bestätigt, dass es trotz allem ein gutes Ende geben wird.

Unser Leben ist kein romantischer Weihnachtsfilm. Die Verluste, die wir tragen und das Böse, das wir erleben, lassen die Lichter des Advents manchmal fern erscheinen. Doch Weihnachten lädt uns ein, auf ein gutes Ende zu hoffen. Diese Hoffnung ist kein Zauber, sondern ein festes Fundament. Es lässt uns auch in unseren Nöten aufstehen und anderen Mut machen, weil wir wissen: Wir sind Teil einer Gemeinschaft, die Leid und Hoffnung teilt. Gott lässt uns nicht im Stich. Er kommt zu uns und macht alles gut. Möchten Sie das glauben?

  (Pastor Jens Deiß, FeG Bad Schönborn)